Ein Appell des internationalen Netzwerkes MPPU (Forum Politik und Geschwisterlichkeit) und vier Angebote zur Reflexion.

Wir, ein internationales Netzwerk von Politiker/innen, Wissenschaftler/innen und aktiven Bürger/innen aus 22 Ländern und fünf Kontinenten, schließen uns angesichts der furchtbaren Konflikte dieser Zeit den Tausenden von Stimmen aus allen Teilen der Erde an, um das Recht auf Frieden einzufordern:

Auf der Suche nach einer konzertierten und gerechten Lösung, die nur aus dem Dialog erwachsen kann, rufen wir dazu auf: Nie wieder Krieg.

Wir fordern die Regierungen und politischen Führer der ganzen Welt sowie alle multilateralen internationalen Organisationen auf, jeden Akt des Terrors zu verurteilen und die Gewalt als Form der Konfliktlösung zu ächten.

Schluss mit dem Krieg: Wir wollen die Hände öffnen.
Schluss mit dem Krieg: Wir wollen die Hände öffnen. Foto: AdobeStock_105363908

Wir fordern alle Menschen auf, in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens dafür einzutreten, dass die Beziehungen zwischen Völkern, Religionen und Kulturen mit großem Respekt für unsere Vielfalt gestaltet werden.

Krieg ist kein Instrument politischen Handelns

Als Instrumente des politischen Handelns können nur diejenigen in Betracht kommen, die sich durch die Anerkennung der Menschenrechte, durch Dialog und Diplomatie um die Gegenwart und die Zukunft unserer Menschheit kümmern und dem Leben dienen.

Mit den Augen von Müttern und Vätern, die angesichts der derzeitigen Tragödie im Heiligen Land einen politischen Ausweg für den Frieden suchen, bitten wir, Politiker und Politikerinnen des Forums Politik und Geschwisterlichkeit als Teil der planetarischen Menschheitsfamilie, die Opfer dieses und aller anderen Kriege um Vergebung, weil wir zu wenig zur Suche nach friedlichen politischen Konfliktlösungen beigetragen haben.

"Wir verurteilen den Angriff auf Irsrael." AdobeStock_170748847
„Wir verurteilen den Angriff auf Irsrael.“ AdobeStock_170748847

Die Gewalt, die durch den Terroranschlag und die Geiselnahme der Hamas ausgelöst wurde, verurteilen wir auf das Schärfste. Der Angriff vom 7. Oktober 2023, der mit großer Grausamkeit begann und sich weiterentwickelt, die militärische Gegenoffensive Israels entstellen das
Gesicht der Menschheit. Das Geschehen in Palästina und Israel veranlasst uns zu diesem dringenden APPELL, der sich auf alle heute stattfindenden Konflikte übertragen lässt.

Wir sind davon überzeugt, dass eine geistliche Vision des Lebens über die Zwänge der Religionszugehörigkeit hinausgehen kann. Menschen und Völker haben alle die gleiche Würde! Wir wollen und können zusammenleben und gemeinsam Lösungen für unsere Konflikte finden.

Aus diesem Grund appellieren wir an Regierungen und politische Führer auf der ganzen Welt

  • Hören Sie auf, Gewalt und Krieg als politisches Instrument einzusetzen! Hass und die Eliminierung anderer sind keine Politik, sondern Barbarei! Aus der Sicht von Müttern und Vätern hat die Politik die Aufgabe, sich um jedes einzelne Kind zu kümmern und das Leben zu schützen.
  • Setzen wir die ganze Kraft der internationalen Interessenvertretungen dafür ein, dass sie für das „Leben“ und die friedliche Koexistenz arbeiten. Ächten wir gemeinsam den Krieg, die Instrumentalisierung von Völkern und Einzelpersonen sowie den Einsatz von Gewalt
    und Erpressung.
  • Als Instrumente des politischen Handelns können nur der Dialog und die Diplomatie in Betracht kommen. Die Einhaltung der Menschenrechte und des Völkerrechts ist dabei für Gegenwart und Zukunft unserer Menschheit unerlässlich.
  • Wir fordern die multilateralen internationalen Organisationen auf, ihr Möglichstes zu tun, damit ein Waffenstillstand mit der Sicherheit für alle erreicht wird. Fordern wir sie auf, die Umsetzung von Maßnahmen zur Beendigung des Krieges gesetzlich zu verankern und Vermittlungskanäle bis hin zu Friedensverhandlungen an allen Kriegsschauplätzen der Welt zu öffnen.
  • Wir fordern auch, dass den Opfern über die Schaffung von humanitären Korridoren hinaus mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es gilt, die Zivilbevölkerung, Kinder, ältere Menschen, Frauen und die Schwächsten zu schützen.
  • Wir fordern die Achtung des Völkerrechts für ein friedliches Zusammenleben der Völker und das Gemeinwohl der internationalen Gemeinschaft.

Für uns alle gilt:

  • Machen wir uns unsere Verantwortung bewusst, dass auch wir in der Pflicht sind, täglich eine gemeinsame Kultur der Begegnung und des Zusammenlebens, des Willkommens und des gegenseitigen Respekts aufzubauen!
  • Geben wir besonders den Kindern, Jugendlichen und Frauen des Friedens eine Stimme, ihre Erfahrungen einzubringen, damit der Samen des Friedens wachsen kann, neue Hoffnung entsteht und Angst und Hass besiegt werden können.
  • Lassen wir keine Rechtfertigungen für Gewalt als eine Form der Konfliktlösung zu. Gewalt eröffnet keine Wege der Veränderung, auch dann nicht, wenn sie mit der Sorge um das menschliche Leben begründet wird.
  • Wählen wir als Mittel des politischen Handelns für die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit ausschließlich den Dialog, die Diplomatie und die Anerkennung der Menschenrechte.
  • Auch wenn das Ziel fern scheint, ist politisches Handeln einzig und alleine dann zielführend, wenn es das Wort der Verständigung wieder aufgreift, wenn sie beginnt, neue Netzwerke zu knüpfen, um ein friedliches und geschwisterliches Zusammenleben zu erreichen, das wir alle anstreben.

8. November 2023

Vier Punkte zur Reflexion:
Auf dem Weg zu einer neuen politischen Perspektive

Wir müssen zuerst die Ursprünge und Ursachen von Konflikten kennen. Dazu gehören der historische und aktuelle Kontext, die Hintergründe, die Interessen der Beteiligten, die internationalen Zusammenhänge, aber auch mögliche Perspektiven. Jedes Mal, wenn ein Konflikt die Geschichte zerreißt, ist dies eine mühsame, aber notwendige Arbeit, um das Handeln der Institutionen zu verstehen.

Darüber hinaus ist es immer ein wesentlicher Schritt, sich dem Dialog zu öffnen und von parteiischen Bewertungen Abstand zu nehmen.
Vor allem geht es auch darum, eigenes Denken zu entwaffnen, um neue Wege erkunden zu können.
Kein Krieg bringt Gutes hervor! Um Frieden zu schaffen, braucht es für jeden Politiker oder Politikerin eine neue Perspektive des Denkens und Handelns.

Wir schlagen vier Punkte vor:

1. Im Namen unserer gemeinsamen Menschlichkeit

Die Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt und an anderen Kriegsschauplätzen der Welt, wie der Ukraine, zeigt ein Ausmaß an Grausamkeit, dem unbedingt an die Wurzel zu gehen ist. Unsere Aufmerksamkeit muss zuallererst dem Leben von Müttern und Vätern gelten. Sie muss den Kindern gelten, die traumatisiert werden, den Männern und Frauen, Menschen wie wir, die ungerechtfertigtes Leid erfahren. Das Leid überschreitet jede Grenze religiöser, nationaler oder politischer Identität.

Denken wir mit den Erfahrungen von familiären Bezügen und Freundschaft, die jeder Mensch kennt, die Politik neu! Es sind diese wesentlichen Bindungen, diese ursprünglichen sozialen Erfahrungen, die uns dazu ermuntern, jeden Menschen zu respektieren.

Die Politik hat als wesentliche Aufgabe, sich um die Gesellschaft und das gemeinsame Haus zu kümmern: Sie muss sich auf die Seite der Mütter und Väter, der Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern stellen. Dies wird sie über Grenzen hinwegführen, die uns heute noch unüberwindlich erscheinen.

Das gilt auch für den langen Weg des Friedens, den Mütter und Väter und auch religiöse Führer des palästinensischen und israelischen Volkes bereits gegangen sind und die dafür gemeinsam gelitten und gekämpft haben. Es ist ein tiefes Band, welches das palästinensische Volk an seine Region bindet, und ebenso tief sind die Wurzeln des israelischen Volkes in dieser Region. Und dennoch haben beide Völker gezeigt, dass sie willens und fähig sein können, eine echte Koexistenz einzugehen. Es ist die Pflicht ihrer Regierungen, auf sie zu hören.

2. Die Stimme der Frauen und die Kultur der Fürsorge

Wir wollen uns nicht mit den derzeitigen Szenarien des Umgangs mit der Macht abfinden. Sie werden von Männern gestaltet, die mit Waffen unermesslicher Zerstörungskraft agieren und wo Angriff und Verteidigung kein Maß haben.
Zahlreiche Erfahrungen aus der Geschichte der Menschheit haben uns andere Wege aufgezeigt. Wege, auf denen insbesondere Frauen aus dem traditionellen Rahmen traten. Warum sollte man sich nicht andere Instrumente, andere Sprachen und Methoden trauen, Wege, die im aktuellen Geschehen bisher in der Öffentlichkeit unsichtbar geblieben sind?

Wir brauchen den Beitrag der „weiblichen Genialität“ mehr denn je. Wir brauchen „gleichberechtigte Allianzen“ zwischen Frauen und Männern, die gemeinsam handeln, um die Wurzeln der stetig wiederkehrenden Gewalt zu bekämpfen.

Wir appellieren an die Frauen und ihre Kultur der Fürsorge und der Wertschätzung, der Worte und der Begegnung, einer Kultur, die Jahrhunderte überdauert hat, um dem sozialen Gefüge immer wieder neue Energie zu verleihen, neue Impulse für den Frieden.

Um Frieden zu schaffen, müssen wir auf die Stimme der Frauen hören.

3. Krieg kann kein politisches Instrument sein

Wir müssen realisieren, dass bewaffnete Gewalt zur Lösung von Konflikten untauglich ist. Die Zeiten machen es dringend erforderlich: Die Politik muss den Krieg ablehnen. Sie muss neue Normen, neue Instrumente und Handlungsschritte entwickeln und annehmen, die eine gewaltfreie Konfliktbewältigung ermöglichen.

Es ist an der Zeit, archaische und gescheiterte Konfliktlösungsstrategien zwischen Menschen und Völkern hinter uns zu lassen. Der derzeitige Ansatz der Konfliktbewältigung mit kriegerischen Mitteln führt zu Ungleichgewichten, die den Fortbestand des menschlichen Lebens auf unserem Planeten Erde gefährdet. Die gewaltige Menge an Ressourcen, die in den Krieg investiert wird, bedeutet den Verlust wichtigster Lebensgrundlagen. Es sind Ressourcen, die in die Gegenwart und Zukunft der Menschheit investiert werden könnten.

Inakzeptable Ungleichheiten gilt es zu verringern, die die Ursache für so viel Gewalt zwischen den Völkern sind. Das Nein zum Krieg ernst zu nehmen, bedeutet auch, mit einer grundlegenden Analyse der Wirtschaftsmodelle zu beginnen, die – anstatt zu handeln – weiterhin auf die Produktion von Waffen setzen, Waffen, welche die schrecklichen Konflikte weiter anheizen.

Wenn aber wirtschaftliches Handeln zum Töten beiträgt, dann sind die vorgegebenen Interessen des Waffenmarktes aufzudecken. Hier ist ein ganzheitlicher Paradigmenwechsel bei der Finanzierung und Produktion der Kriegsindustrie notwendig.

4. Frieden als Recht – Frieden als Politik

Im Namen des Rechts aller Völker auf Frieden dürfen wir nicht zögern, den schwierigen Weg der Versöhnung und der friedlichen Koexistenz zwischen den an den kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten Parteien zu beschreiten.

Es reicht nicht aus, die Waffen niederzulegen: Nur das Zusammenwirken von Gerechtigkeit, Entwicklung und der wechselseitigen Teilhabe kann den Weg zum Frieden unterstützen. Gegenseitige Ignoranz trägt dazu nichts bei.

Es ist notwendig, eine politische Kultur der Geschwisterlichkeit zu entwickeln, die über die nationalen Grenzen hinausgeht und welche die Freundschaft zwischen den Völkern fördert. Es ist ein prophetisches Programm der universellen Geschwisterlichkeit. Chiara Lubich hat hier grundlegende Gedanken eingebracht: Dieses Modell einer universellen Geschwisterlichkeit verpflichtet uns, Friedenspolitik nicht nur im Sinne des „Schweigens der Waffen“ zu betreiben, sondern Frieden als oberstes Prinzip einer ganzheitlichen Politik zu verstehen.

Das bedeutet, dass wir alle Politikbereiche – Soziales, Wirtschaftliches, Kultur, auch Migrationspolitik, u.a. – unter dem Gesichtspunkt des Friedens betrachten müssen. Das Ziel politischen Handelns darf sich nicht auf die Beendigung von Konflikten beschränken, auch wenn es unsere vorrangige Aufgabe ist, dafür zu arbeiten, dass Konflikte nicht in gewaltsame Aktivitäten umschlagen.

Als Politische Bewegung für die Einheit (MPPU) wollen wir alle Anstrengungen unternehmen, um mit denjenigen, die dieses Ziel mit uns teilen, eine ähnliche kulturelle Entwicklung zu begünstigen wie jene, die in der Vergangenheit zur Abschaffung der Sklaverei geführt hat.

Krieg ist nicht unvermeidlich!
Wenn kriegerische Auseinandersetzungen unsere Vergangenheit geprägt haben und auf schmerzliche Weise auch unsere Gegenwart prägen, heißt das nicht, dass sie Teil unserer Zukunft sein müssen.
Wie oft haben „Utopien“ unerwartete Möglichkeiten aufgezeigt, Humanisierungsprozesse eingeleitet und neue Horizonte eröffnet? Sie wurden zu einem gemeinsamen Gut für viele Generationen und für die gesamte Menschheit.

Unsere Zeit erlebt vom Nahen Osten über die Ukraine, den Südsudan, die Demokratische Republik Kongo und Kolumbien, … mehr als 170 Konflikte, mit verheerenden Folgen. Dies macht die Sinnlosigkeit von Krieg als Mittel der Konfliktlösung mehr als deutlich. Wir fordern ein Ende!

8. November 2023


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