Beatriz Lauenroth war zur Unterstützung im ukrainischen Mukachevo. Sie lernte mutige Frauen kennen, erlebte Menschen in Schockstarre und erfuhr, was die Soldaten an der Front durchhalten lässt.

Beatriz Lauenroth lebte im ukrainischen Mukachevo mit. Foto: Beatriz Lauenroth
Beatriz Lauenroth lebte im ukrainischen Mukachevo mit. Foto: Beatriz Lauenroth

von Beatriz Lauenroth

Mukachevo: Ich hatte noch nie von dieser kleinen Stadt in der Westukraine gehört, als ich an einem sonnigen Nachmittag im September 2024 dort ankomme. Das Städtchen liegt grenznah zu Ungarn, der Slowakei und Polen. Ukrainische Freunde hatten mir erzählt: „Als 2022 begonnen wurde, Kiew zu bombardieren, hat die ganze Welt unsere Situation mit Interesse verfolgt. Jetzt hat das Interesse nachgelassen, und wir fühlen uns oft im Stich gelassen“.

Die Verständigung ist auf Russisch möglich

Diese Beobachtung – nicht ohne Bitterkeit – hatte in mir etwas in Gang gesetzt: Ja, auch ich möchte ein Zeichen der Solidarität, der Nähe setzen, um es mit den Worten von Papst Franziskus zu sagen. Meine Entscheidung, einige Monate in der Ukraine zu verbringen, wird dadurch erleichtert, dass ich Russisch spreche, eine Sprache, mit der man sich hier verständigen kann. 

Gemeinsames Leben in Mukachevo: Beatriz Lauenroth (l.) lernt mutige Frauen kennen. Foto: Beatriz Lauenroth
Gemeinsames Leben in Mukachevo: Beatriz Lauenroth (l.) lernt mutige Frauen kennen. Foto: Beatriz Lauenroth

Der Luftraum über der Ukraine ist gesperrt. Die Reise nach Mukachevo von den Niederlanden aus, wo ich wohne, dauert zwei Tage. Bei der Ankunft beginnt eine ungewohnte Erfahrung: Alarme und dann Bombenangriffe, z. B. auf das Kraftwerk in Mukachevo. Bei jedem Alarm fallen die Menschen – bewusst oder unbewusst – in eine „Schockstarre“. Ein Freund wählt einen drastischen Vergleich, um zu verdeutlichen, was auf psychologischer und geistiger Ebene geschieht: „Es ist, als würde man einen eingeschalteten Computer mehrmals hintereinander aus der Steckdose ziehen. Wenn man ihn wieder einsteckt, leidet das System. Und der Körper vergisst nicht. Die Psyche, die Seele ist erschüttert. In der Ukraine leben wir schon seit drei Jahren so.“ 

Ein unerschütterlicher Glaube an Gott

Stark ist für mich die Begegnung mit den Frauen, von denen die meisten einen unerschütterlichen Glauben an Gott haben. Viele Männer sind an der Front, verwundet oder gefallen. Andere sind geflohen oder verstecken sich irgendwo. Die Fokolarin erklärt: „Wir sind in der Ukraine geblieben, um mit Gott unter uns zu leben. Er gibt uns die Kraft zum Durchhalten.“ 

Die Fokolar-Familie in Mukachevo. Foto: Beatriz Lauenroth
Die Fokolar-Familie in Mukachevo. Foto: Beatriz Lauenroth

Man sagt, dass die Ukrainer ein sehr zähes Volk sind, das nicht so leicht aufgibt. Ich kann viel von ihnen lernen. Die vierzigjährige Oleksandra führt ein Familienunternehmen für Möbel. Früher florierte das Geschäft, aber jetzt weiß sie nicht mehr, wie sie es weiterführen soll, weil die Männer, die in ihrer Firma arbeiteten, zum Militärdienst eingezogen wurden. Langsam wird ihr die wirtschaftliche Grundlage für den Unterhalt ihrer Familie entzogen. Ich bin beeindruckt von Oleksandras Glauben an Gott, der sie jeden Tag mit Mut und Kreativität diese sehr prekäre Situation meistern lässt.  

Irina ist eine Frau wie viele hier in der Ukraine, ihr Mann ist an der Front im Donbass. Sie telefonieren oft miteinander und er erzählt ihr von den schrecklichen Dingen, aber auch von der Solidarität und der Hoffnung unter den Soldaten. Er sagt, er erkenne sich in keinem Glauben wieder, aber auch er habe angefangen zu beten. „An der Front“, sagt er, „gibt es keine Menschen, die weit von Gott entfernt sind. Es gibt Momente, in denen alle beten.“ 

Todesangst am Checkpoint

Tanja ist mit ihren beiden Töchtern, 10 und 12 Jahre alt, aus einer besetzten Stadt geflohen. Sie hat die Mädchen im Auto zwischen ihren Koffern versteckt. In der Schlange am Checkpoint steigt jemand vor ihnen aus dem Auto und wird von einer Kugel getroffen, die ihn sofort tötete. Tanja hat schreckliche Angst, aber in diesem Moment denkt sie nur daran, wie sie das Gaspedal durchdrücken könnte, falls sie getroffen würde, um ihre Mädchen in Sicherheit zu bringen. 

Ich habe einige Monate mit diesen Menschen gelebt. Als ich in die Niederlande zurückkehre, merke ich, dass sich etwas tief in mir verändert hat. Die Monate in der Ukraine haben mich eine „Lebenslektion“ gelehrt: einen unerschütterlichen Glauben an Gott und die Würde, durchzuhalten, ohne zu klagen. Nun, es sind ukrainische Frauen wie Tanja, Irina und Oleksandra, die mich mit ihrem Leben gelehrt haben, an einen Gott zu glauben, der sein Volk nicht im Stich lässt.

Beatriz Lauenroth, in Argentinien geboren, deutsche Staatsbürgerin, lebt seit über 40 Jahren in verschiedenen europäischen Ländern und wohnt derzeit in Südholland in der Nähe von ’s-Hertogenbosch. Sie ist gerade von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Mukacevo in der Ukraine zurückgekehrt.

Datum: 13.05.2026
Kategorie: D-A-CH

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